lernenDas gegliederte Schulsystem in Sachsen-Anhalt ist sozial ungerecht. Längeres gemeinsames Lernen der Kinder besser ist als eine frühe Trennung und damit Auslese. Das erhöht die Bildungschancen und Kompetenzen aller Kinder. Das ist dringend notwendig, denn die Zahl der Schülerinnen und Schüler in Sachsen-Anhalt, die keinen oder einen niedrigen Abschluss haben ist viel zu hoch, denn am Ende heißt das, dass diese Schüler nur schlechte Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben.

Im Schuljahr 2007/2008 betraf das fast ein Viertel der Schüler. 10 Prozent von ihnen haben die Schule ohne Abschluss verlassen, 12 Prozent mit einem Hauptschulabschluss. Zudem ist auch die Zahl derer, die eine Hochschulzugangsberechtigung erworben haben, viel zu niedrig. Nur 37,6 Prozent der Schüler haben die Schule mit einem Abitur verlassen. Gerade im Hinblick auf den künftigen Fachkräftebedarf benötigen wir jedoch mehr Schulabgänger mit höheren Bildungsabschlüssen.

Andere Länder wie Finnland haben Abiturquoten von mehr als 50 Prozent, dabei sind deutsche Kinder nicht unbegabter als finnische. Das Grundproblem liegt im Bildungssystem. Das gegliederte Schulsystem in Sachsen-Anhalt „produziert“ zu wenig hohe Schulabschlüsse, es ist sozial ungerecht, denn es benachteiligt Kinder aus bildungsfernen Schichten, und es führt gerade im ländlichen Raum zu Schulschließungen, denn vielerorts reicht die Schülerzahl nicht aus, um eine Schule zu führen. Im Ergebnis sitzt gerade ab der 5. Klasse ein Großteil der Schüler im Bus, dabei muss Schule erreichbar sein. Sie gehört vor Ort in möglichst viele Städte und Gemeinden.

Die richtige Antwort auf diese Probleme ist die Abschaffung des gegliederten Schulsystems und die Einführung des längeren gemeinsamen Lernens. Eine Allgemein bildende Oberschule als Gemeinschaftsschule, die alle Kinder mindestens bis zum Ende der 8. Klasse gemeinsam besuchen, wäre eine vernünftige Lösung. Natürlich löst eine Veränderung der Schulstruktur allein nicht alle Probleme im Bildungssystem. Aber verbunden mit Maßnahmen zur individuellen Förderung der Schüler und mit einer höheren Eigenständigkeit der Schulen ist sie die notwendige Voraussetzung für durchgreifende Verbesserungen.

Dabei können wir gerade im Osten auf langjährige Erfahrungen zurückgreifen. Bis 1990 wurden in der ehemaligen DDR alle Kinder und Jugendlichen in der polytechnischen Oberschule beschult. Dabei handelte es sich um eine einheitliche zehnjährige Gemeinschaftsschule. Der Klassenverband blieb während des regulären Unterrichts über alle Schuljahre erhalten. Schüler, die das Abitur ablegen wollten, wechselten frühestens nach der 8. Klasse an die Erweiterte Oberschule. Das Niveau der Schulbildung vor allem im mathematisch-naturwissenschaftlichen und technischen Bereich war höher als das an einer heutigen Sekundarschule – das haben Studien eindeutig nachgewiesen.

Die Einführung des gegliederten Schulsystems nach der Wende hat nachweisbar nicht zu einer Verbesserung des Bildungsniveaus geführt. Während unseren Grundschülern im Rahmen internationaler Vergleichsstudien ein gutes Zeugnis ausgestellt wird, zeigen sich bei den 15jährigen Schülern trotz einer Steigerung in den letzten Jahren erhebliche Defizite, besonders beim Leseverständnis. Ein weiteres unrühmliches deutsches Markenzeichen ist der signifikante Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungsabschluss.

Der besorgniserregende Leistungsabfall nach dem Übergang von der Grundschule an die weiterführenden Schulen steht in einem engen Zusammenhang mit der Aufteilung der Schüler auf verschiedene Schulformen ab der Klassestufe 5. Diese Aufteilung erfolgt zu früh, denn viele Studien belegen die Prognoseunsicherheit von Schullaufbahnempfehlungen zu diesem Zeitpunkt. Falsche Schullaufbahnempfehlungen erweisen sich in der Praxis aufgrund der mangelhaften Durchlässigkeit zwischen den Schulformen zumeist als wenig korrigierbar. Problematische Schullaufbahnen nehmen so ihren Anfang.

Im Gegensatz dazu gewährleistet das längere gemeinsame Lernen eine sehr gute individuelle Förderung stärkerer und schwächerer Schüler, die noch dazu möglichst lange vor Ort stattfinden kann. Das heißt bessere Chancen für alle Schüler.

Sechs gute Gründe für ein längeres gemeinsames Lernen:

  1. Bessere Entwicklung der individuellen Fähigkeiten und sozialen Kompetenzen sowohl der stärkeren als auch der schwächeren Schüler.
  2. Höhere Prognosesicherheit bei späterer Entscheidung über den künftigen Bildungsweg.
  3. Erhöhung der Bildungschancen.
  4. Sicherung eines wohnortnahen Schulangebotes trotz Schülerrückgangs.
  5. Nutzung des Bildungspotentials der gesamten Bevölkerung durch Ausrichtung des Bildungssystems am Fachkräfte- und Arbeitsmarktbedarf der Zukunft.
  6. Die strikte Aufteilung der Schüler auf verschiedene Schulformen und Bildungsgänge ist sehr kostenintensiv und volkswirtschaftlich ein Hindernis.